Aufgepeppte Lebensmittel - getäuschte Konsumenten

"Was halten Sie für die größten Gefahren für Ihre Gesundheit?", wollte kürzlich das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung wissen. Und siehe da, gleich nach Umweltverschmutzung und radioaktiver Strahlung fürchten sich die Deutschen am meisten vor ihren Lebensmitteln.

Von Gammelfleisch bis Pestizid-Gemüse - Essen macht auch hierzulande vielen Menschen Angst. Kein Wunder, dass Lebensmittel, die Gesundheit versprechen, ein äußerst lukratives Geschäft sind. Und genau das stößt Konsumentenschützern sauer auf. "Verbraucher werden im Supermarkt regelmäßig mit irreführenden Gesundheitsversprechen getäuscht - und das ganz legal", behauptet die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch und hat eine Kampagne gegen den "Schwindel mit Gesundheitswerbung" gestartet. Gefordert wird nicht weniger, als die gesundheitsbezogene Werbung für Lebensmittel generell zu verbieten.

Gescheiterte EU-Verordnung?

Dabei dürfen Unternehmen seit Dezember 2012 ohnehin nur noch mit Gesundheitsversprechen werben, die offiziell genehmigt wurden. Geregelt wird dies durch die Health-Claims-Verordnung der EU. 2300 Werbeaussagen wurden von ihr mittlerweile auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, ganze 222 davon haben die Zulassung geschafft. Erlaubt sind Aussagen wie "Reich an Vitamin C", "zuckerfrei" oder "salzarm". Nicht mehr zulässig sind Sprüche wie "Stärkt die Abwehrkräfte", "Schützt vor Erkältung" oder "Hilft Kindern beim Wachstum". Was nach einem durchaus strengen Verfahren klingt, schützt die Verbraucher trotzdem nicht vor Irreführung, kritisiert Foodwatch.

"Der Anspruch der EU-Verordnung war, den Verbrauchern bei der gesünderen Auswahl von Lebensmitteln zu helfen", sagt Foodwatch-Experte Oliver Huizinga im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Wenn wir aber jetzt auf Süßigkeiten, Softdrinks oder auf salzigen Kinderwürstchen mit dem Segen der EU Gesundheitsversprechen finden, dann muss man sagen, dass die Verordnung gescheitert ist."

Der Trick mit Vitaminen und Mineralstoffen

"Eines der größten Schlupflöcher in der Health-Claim-Verordnung ist, dass es sehr viele zugelassene Gesundheitsversprechen für Vitamine und Mineralstoffe gibt", schildert Huinziga die neueste Strategie der Lebensmittelhersteller mit der Gesundheit zu werben. "Wenn einem Joghurt wie Actimel Vitamine oder der ,Ferdi Fuchs Kindersalami‘ Calcium oder Folsäure künstlich zugesetzt werden, kann der Hersteller mit den zugelassenen Gesundheitsversprechen für diese Vitamine und Mineralstoffe werben. Und das, obwohl klar ist, dass Kinder ohnehin deutlich mehr Wurst essen, als sie sollten." Ein Joghurt mit "probiotischen" Bakterien darf nun zwar nicht mehr mit dem Spruch "Stärkt das Immunsystem" beworben werden, peppt man es aber mit Vitaminen auf, geht es trotzdem als gesundes Produkt durch - unabhängig davon, wie viel Zucker es enthält.

Hinzu kommt, dass Hersteller nur dann mit den zugesetzten Vitaminen und Mineralstoffen werben dürfen, wenn diese in nennenswerten Mengen eingesetzt wurden. Das Problem: Es gibt keine Regelung über die Höchstmengen für Vitamine, Mineralstoffe oder Pflanzensterine in Lebensmitteln. "Fachleute warnen immer wieder vor den Folgen von Überdosierungen", kritisiert Huizinga. "Hier ist der Ball derzeit bei der EU-Kommission, die Maximalwerte für Vitamine und Mineralstoffe festlegen soll."

Herbe Kritik von Verbraucherschutzseite gibt es auch angesichts fehlender Nährstoffprofile. Diese sollten festlegen, wie viel Zucker, Fett und Salz ein Produkt maximal enthalten darf, um mit dem Label "gesund" werben zu dürfen. Und so können Hersteller von fetten Fertigprodukten oder versteckten Zuckerbomben diese als gut für die Gesundheit anpreisen, solange sie sie künstlich mit Vitaminen oder Mineralien aufpeppen.

Auch auf die "Lebensmittelampel", mit deren Hilfe man auf einen Blick erkennen kann, wie hoch der Anteil von Fett, Zucker und Salz in einem Produkt ist, konnte man sich innerhalb der EU bisher nicht einigen. "Das ist ganz klar ein Erfolg der Lebensmittelindustrie-Lobby", sagt Huizinga. "Die Industrie hat nach eigenen Angaben eine Milliarde Euro aufgewandt, um dieses Kennzeichnungssystem zu verhindern. Stattdessen hat sie die Kennzeichnung anhand von Zahlen und Prozent-Angaben durchgesetzt, die für den Verbraucher einfach eine Zumutung ist. Schließlich geht kein Mensch mit dem Taschenrechner einkaufen."

http://www.wienerzeitung.at 


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